Sirenengesang

03/11/2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Zweck der Kunstwelt ist die Ästhetik. Da werden die meisten Menschen zustimmen – und Ästhetik bedeutet :
F o r m e n der s i n n l i c h e n Wahrnehmung
also im Extremfall unsere verlorengegangenen Sinne wiederzugewinnen.

Der Stammesmensch war mit seiner Umgebung s i n n l i c h verbunden, auch da gibt es keine Zweifel. Zwischen ihm und seiner Umgebung gab es keine Diskontinuität, gab es keine Distanz..
Aber seit das Buch auftauchte (erst hatte es nur für einzelne Bedeutung und seit etwa 500 Jahren, seit der Erfindung des Buckdrucks -ja, hier bin ich wieder bei meinem Epochenthema!!- bekam es Bedeutung für a l l e Menschen) passierte eine E n t s i n n l i c h u n g und die symbolische Mathematik trat ihren Siegeszug an.
Die körperliche Umgebung wurde peu à peu durch eine geistige Umgebung ersetzt, eine Umgebung, die man geistig erfahren kann und m u s s. So ist unsere Umgebung heute weit mehr durch das Finanzwesen bestimmt, als durch Wetter und Wind und Gefahren aus Nahrungsknappheit.
Das ist eine E r r u n ge n s c h a f t, aber auch eine die O p f e r verlangte.
Wenn man ein Buch liest, müssen die abstrakten Zeichen in sinnliche Bilder dekodiert werden, in ikonische Wahrnehmungsgegenstände, die man in sich selbst mit Hilfe des Gedächtnisses oder über das Zusammenfließen wirklicher Erfahrung e r z e u g t. Das alles passiert im Zwischenraum. Man versetzt das Fleisch in ein Gesicht und die Gestalt in die Stimme von Menschen, die man im Leben getroffen hat. Und man wandelt sie in alle Arten von Charakteren oder Helden um, die uns z. B. beibringen, Neues zu fühlen. Aber all das geschieht von innen aus, nicht von außen!! Das ist wichtig.

Das war in meinen Augen auch die grundlegende Aufgabe der B u c h r e l i g i o n e n, uns auf diesem Weg zu begleiten und uns diese Individualisierung zu lehren (und dabei die Gemeinschaft nicht aus den Augen zu verlieren)

Diesen Prozess unterlaufen aber nun die neuen Medien. Das begann schon mit dem Fernsehen, setzte sich aber in noch stärkerem Maße in der digitalisierten Computerwelt fort. Beginnen wir beim Fernsehen. Das Fernsehen m o d u l i e r t einen. Es bringt die ä u ß e r e n Sinne zurück. Es nimmt etwas, das außerhalb der imaginären Welt steht, präsentiert das Außen und erzeugt so ein ganz neues sinnliches Environment, das uns ruft. Das ist wie eine elektronische Sirene. Wir sind wieder Odysseus und hören den Sirenenklang. Sind aber nicht wie dieser (auf den Rat von Kirke hin) zum eigenen Schutz an einen Mast gebunden.
Diesmal unterlässt es Kirke zu warnen.
Diesmal stürzen wir ungeschützt ins elektronische Meer.

Es gibt da in unseren neuen Medien eine multisensorielle Verführung, etwas das den sinnlichen Wirklichkeiten der Frauen näher steht, als denen der Männer. Wie schön! Wir haben nach so vielen Jahrhunderten wieder einen Punkt erreicht, an dem die Sinne (wenn auch in einer elektronischen Weise) wieder veräußerlicht werden. Wir kehren in den Mischmasch des Stammesmenschen zurück, in die Nicht-Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen. Und stehen vor einer neuen Aufgabe!
Der Kreis hat sich geschlossen, wir fangen neu an! Warum auch nicht….

Aber ich denke, wir brauchen die Kunst, eine neue Formung unserer Sinne, um im Gesang der modernen Sirenen nicht zu ertrinken …

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