Aus Valentinstag wird ‚Prem Divas‘

13/02/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Bei Indiens Grußkartenverkäufern war Kreativität gefragt, um den drohenden Verlusten am Valentinstag aus dem Weg zu gehen. Denn nicht erst dieses Jahr ist der Tag der Verliebten in Indien nicht nur Zielscheibe für Amors Pfeile, sondern auch für die der Hindu-Nationalisten und selbsternannten ‚Schützer der indischen Kultur‘, welche anführen, dass der Valentinstag gegen die indischen Traditionen verstoße.
So beschloss denn die Händlervereinigung, den Tag künftig als das ‚Prem Divas Utsav‘ (Tag der Liebe Fest) zu begehen, welches fortan vom 10. bis zum 16. Februar stattfinden soll. So wurde ausgefuchsterweise auch gleich die potentielle Verkaufsperiode für Glückwunschkarten verlängert.

Über das neue Fest klärte die Vereinigung, der Kartenhersteller, Verkäufer und Vertreiber angehören, die Öffentlichkeit in Zeitungsanzeigen auf und empfahl, die fröhlichen Tage mit dem Austausch von Süßigkeiten, Glückwünschen und Geschenken zu feiern. So würde den in Indien traditionell festen Familienbanden gehuldigt und nicht bloß den liebenden Pärchen.

Hindu-Nationalisten beharren auf einem Verbot des Valentinstages in Indien, da dieser eine Missachtung der indischen Kultur darstelle.

Dieser ihrer Überzeugung verliehen Anhänger der Partei, sowie der rechten Organisationen Bajrang Dal und Vishva Hindu Parishad (Welt-Hindu-Rat) letztes Jahr deutlich Ausdruck, indem sie Kartenläden und -stände zerstörten und Valentinskarten verbrannten.

Da dies der Kartenindustrie Schaden zufügte, beschloss deren Vereinigung eben, den Tag in einem anderen Kontext zu feiern. So werden künftig statt Valentinskarten Prem-Divas-Karten verkauft. Über eine Verletzung ihrer und der indischen Gefühle dürfen sich die ‚Schützer der indischen Kultur‘ nun also nicht mehr beschweren.

Soweit die aktuellen Nachrichten zu diesem Thema, aber es geht natürlich um mehr.  Hierüber hat Christiane Brosius von der  Universität Heidelberg in der FAZ einen interessanten Artikel geschrieben.

Nach den Jahren kapitalistischer Enthaltsamkeit während der Planwirtschaftsjahre gab es so in den letzten Jahrzehnten einen Nachholbedarf im Konsumieren und Erschliessen neuer Räume und Lebensstile. Das neue Motto, insbesondere für 250 Millionen der indischen Mittelschicht  mit Lust auszugeben und zu konsumieren. Diese Stile treffen nun mit Wucht aufeinander!

Ja es ist schon so:  Mehr als sechzig Prozent aller Heranwachsenden in den indischen Metropolen leben nach aussen hin ein einigermaßen freizügiges Leben und haben z. B. vorehelichen Geschlechtsverkehr, auf dem Land sogar noch mehr. Aber trotzdem zieht die Mehrheit urbaner Jugendlicher immer noch die arrangierte Ehe vor. Sie ist nach wie vor die Regel in Indien auch in der aufgeschlossenen Mittelschicht, denn auf die Unterstützung der Familie kann gerade in Zeiten wirtschaftlicher Mobilität einfach nicht verzichtet werden.

Der lockere Valentinstag gerät besonders in die Kritik, weil er suggeriert, dass  es nur um die Gefühle zwischen zwei Menschen gehe. Aber das ist natürlich eine Farce,  insbesondere in Indien. wo soziale, kulturelle und wirtschaftliche Grenzziehungen über Geschlechterrollen und Kastenzugehörigkeit bestimmen.

Die Wut, die von Kritikern besonders am Valentinstag ausagiert wird,  betrifft die Idee der freien Wahl von Liebes-  und Lebenspartnern, die als unmoralisch und vulgär abgelehnt wird. Die romantische Liebe, heisst es, passe nicht nach Indien, weil sie „fremd“ und „verwestlichend“ ist,  die Tradition der arrangierten Ehe unterwandere und die Autorität der Eltern untergrabe. Sie sei ein Störfaktor für das organische Netz der Grossfamilie in der die Gefühle zweier Menschen gegen die Achtung des Grossen und Ganzen abgewogen werde. Spass und Zweisamkeit können nicht im Zentrum einer Gesellschaft stehen. Die Rollenerwartung und die Sicherung von Werten und Besitz seien einfach wichtiger.

Das ist die Meinung der Mehrheit der indischen Bevölkerung!!  Die 250 Mill Mittelschicht, die aufgrund der Wirtschaftsliberalisierung den westlichen Lebensstil erproben sind ja weniger als 1/4 der indischen Bevölkerung und auch sie tun das nur halbherzig, wie die Heiratsanzeigen zeigen, wo von der Familie auch für weltläufige junge Menschen, die im Ausland studiert haben, Lebenspartner gesucht werden.

Man darf in Indien einfach nie vergessen. Es ist ein stark konservatives Land, noch immer sehr verankert im Kastenwesen, auch wenn die Regierung sich mit Quotenreglungen stark dagegen stemmt und die wirtschaftlichen Erfolge bemerkenswert sind.  Es wird sich in absehbarer Zeit nicht viel ändern, eher kommt es zu einem deutlichen Konflikt mit den Eliten wie in Ägypten.

In den indischen Zeitungen steht folgendes:

There are in India “love” marriages and arranged marriages.  A “love” marriage has nothing to do with love at all…it is the “other” alternative to an arranged marriage, say meeting your future wife at a social gathering and “love” marriages are looked down on in Indian society.  In India, 50 percent of “love” marriages end in divorce, while only five percent of arranged marriages end in divorce.

Advertisements

Tagged:, , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Aus Valentinstag wird ‚Prem Divas‘ auf Kirke's Blog.

Meta