Hermannstadt und der goldene Freibrief

03/06/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Außer den Gebäuden, die urdeutsch wirken, erinnert in dieser Stadt eigentlich nichts mehr an die deutsche Zeit.Es ist irgendwie wie Secondhand, von diesen Läden gibt es in den ärmeren Vierteln unzählhige. Die Gebäude sind auch wie von Deutschen abgelegte Kleider, die aber, da sie mal sehr schön waren, jetzt andere tragen. Auch wenn es die Siebenbürgner nicht gerne hören:

Morning is here

Sun shining bright and clear

The night has finally disappeared

And time is gone

Der Massenexodus der Deutschen hinterließ in diesem Land eine riesige Lücke, eine Wunde, die sich aber jetzt zu verschließen beginnt. „deutsch“ gehört zu der Geschichte dieses Landstrichs, aber nicht zu seiner Zukunft. Es ist zu einem Verkaufsartikel für das internationale Publikum geworden, das gerade nach Hermannstadt zu Hauff kommt.

Sibiu gibt sich, nachdem es 2007 Kulturhauptstadt war, sehr kunstbeflissen. Während wir hier sind, läuft ein internationales Theaterfestival mit vielen vielen Events.

Dabei geht irgendwie aus dem Gedächtnis verloren, was meiner Meinung nach die große kulturelle Leistung, das wirkliche kulturelle Erbe dieser Stadt ist:

der goldene Freibrief

Dabei handelt es sich um eine Urkunde, welche die konstitutive Rechtsverleihung der ungarischen Könige an die Siedlergruppe der Siebenbürger Sachsen garantierte – im Jahr 1224 !

Die Magna Carta (1215) läßt grüssen

http://de.wikipedia.org/wiki/Magna_Carta

 

und die ist nun doch wirklich das europoäische Kulturgut schlechthin und Eckpfeiler der europäischen Rechtsgeschichte. Es ist wohl nicht übertrieben in ihr die Voraussetzung dafür zu sehen, dass sich mehr und mehr bürgerliche Freiheiten und Rechte durchsetzen konnten, zuerst auf der britischen Insel und später auf dem europäischen Kontinent.

Da waren sie damals auf der Höhe ihrer Zeit, die Hermannstädter!

Das Statut (siehe Bild) garantierte den deutschen Siedlern in (ganz) Osteuropa das Hermannstädter Recht, welches anfangs in den Sieben Stühlen (das waren zuerst die 7 Städte neben Hermannstadt) und später auf dem gesamten Königsboden in Siebenbürgen angewandt wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Goldener_Freibrief

Die Siebenbürger Sachsen ließen sich die verbrieften Freiheiten mehrfach bestätigen und erweitern, jedoch gerieten diese immer wieder zum Politikum, im Streit mit den zwei anderen Ständen Siebenbürgens, den Szeklern und dem ungarischen Adel. Zu besonderem Druck kam es nach der Annexion Siebenbürgens durch Österreich. Das Kaiserreich wollte diese Sonderrechte für eine relativ kleine Bevölkerungsgruppe nicht dulden, jedoch gelang es den Sachsen bis zum Ausgleich 1867 durch geschicktes Taktieren und Beeinflussen ( Samuel von Brukenthal) ihre Autonomie weitgehend zu bewahren. Erst als 1876 der Königsboden formal aufgehoben wurde, erloschen die alten Rechte endgültig.

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