Der nüchterne V.S. Naipaul

13/08/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Nein, geliebt wird er nicht, dieser nüchterne Mensch. Und doch hat er so oft recht. Er sieht die dritte Welt ohne Befreiungsromantik, wie es ein Artikel in der FAZzu seinem 80igsten so schön beschreibt.

Endlich mal jemand der g e n a u hinschaut und nicht alles gefühlsmäßig vereinheitlicht. Ich konnte sie nicht mehr hören, diese Berichte aus Syrien, die immer darauf hinaus liefen, dass sich ein Volk von seinem Diktator befreien will. Welch fatale Fehleinschätzung. Es geht um Interessengruppen, es geht um Bürgerkrieg und nicht um westliche Romantik. Aber diese wird uns dauernd zum Frühstück serviert.

Da zieh ich doch einen wie Naipaul vor. Er ist in meinen Augen ein echtes SUBJEKT und entwickelte seinen eigenen Blick auf die Welt, ungeachtet dessen, was die Menschen so gerne hören mögen. Seine Geschichten gründen in unbeirrbarer Beobachtung und führen mit scharfem Blick die Phanta­sien, mit denen Menschen ihre Wirklich­ keit so gern gestalten, als bloße Hirngespins­te vor. Es gibt leider so wenige von diesem Format.

Der einzige, der in letzter Zeit auch nur den Hauch eines eigenen Blicks in der Medienwelt an den Tag legte, war Jürgen Tödenhöfer, der wenigstens versuchte, beide Seiten zu sehen in seinem Interview mit Präsident Assad.

Und wie geriet er ins Kreuzfeuer der Kritik! Die Menschen und mit ihnen viele Journalisten wollen halt die Welt schwarz und weiß. Nur so läßt sich mit der Inbrunst der Überzeugung für etwas eintreten. Und nur mit Emotion läßt sich Auflage machen. Da bleibt dann auf der Strecke, welche Einflusskräfte tatsächlich da im Spiel sind und die Information wird zu einer bloßen Farce.

Und noch mit einem hat Naipaul recht. Die globalisierte Welt ist uns eine fremde Heimat. Hier können wir nicht andocken. Hier gibt es kein Heimatgefühl. Und genau das führt dazu, dass immer mehr dieser künstlichen Gefühle gemacht werden müssen in den Medien. Wischt er nicht die Dünche weg, die Vernebelung, der wir so gern erliegen? Früh hat Naipaul den islamischen Fundamentalismus als Muster unserer Zeit erkannt, und noch viel früher hat er schon die Euphorie, in die nach 1960 vie­le Länder im Triumph ihrer jüngst errungenengenen Unabhängigkeit verfielen, als post­koloniale Selbstberauschung enttarnt. Ja, wir hören das alles nicht gerne.

Solche Nüchternheit und Strenge schafft keine Sympathie! Und auf die kommt es ja an in unserer Medienwelt. Aber (und das halte ich für weit wichtiger) sie schafft Einsichten in die wahren Kräfteverhältnisse und lassen uns Zukunft denken. Denn – das sollten wir nie vergessen – die ZUKUNFT wird aus dem ZORN der Vergangenheit gebaut.

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