DER Rechenfehler

23/06/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

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Verrechnet! Und sie wissen nicht mehr, was sie tun. Die Geschichte ist genauso unglaublich wie die um Ed Snowdon. Es geht um die Sehnsucht nach Orientierung, um den Wunsch, einfachen klare Handlungsanweisungen zu geben. Und es geht um Abhaengigkeit.

Ein unbekannter Student tritt auf und ein berühmter Ökonom. Der berühmte Ökonom hat der Politik eine Zahl geliefert, nach der alle lechszen. Und dann stellt sich heraus der beruehmte Oekonom kann einfach nicht genug Excel und alle sind ihm auf den Leim gegangen.

2010 findet in in Atlanta eine wirtschaftswissenschaftliche Tagung statt. Rogoff ist zu diesem Zeitpunkt bereits einer der bekanntesten Ökonomen der Welt. Er war Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), jetzt ist er Professor an der Harvard University. Gerade hat er ein Buch über die Geschichte der Finanzkrisen veröffentlicht, das sich hervorragend verkauft. Viel weiter kann man es als Wirtschaftswissenschaftler nicht bringen. Er stellt seine neueste Arbeit vor:

Growth in a Time of Debt

– »Wachstum in einer Zeit der Verschuldung«. In dieser Untersuchung versucht Rogoff gemeinsam mit seiner Kollegin Carmen Reinhart jene Frage zu beantworten, die sich in der Eurokrise zu der Fragen aller Fragen entwickelt hat: Sind Staatsschulden gefährlich? Es gibt zwei Meinungen

Schulden seien brandgefährlich, ein verschuldeter Staat müsse radikal sparen, sagen die einen.

Radikales Sparen mache alles nur schlimmer, sagen die anderen. Es genüge, die Schulden langsam und behutsam abzubauen.

Als Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart in Atlanta ihre neue Studie vorstellen, ist dies der Endpunkt einer langen Forschungsarbeit. Sieben Jahre lang haben sie Bibliotheken durchsucht und in Archiven gewühlt. Obwohl kaum ein wirtschaftspolitisches Problem weltweit eine solch bedeutende Rolle spielt wie die Staatsverschuldung, gibt es kaum öffentlich zugängliche historische Daten dazu.
So legen sie eine riesige Datenbank an. 66 Länder, fünf Kontinente, 800 Jahre. Wieder und wieder jagen sie die Werte durch ihre Rechenprogramme, sie suchen nach dem großen Zusammenhang, dem Muster in den Zahlenkolonnen.

Schließlich finden sie es. Staatsschulden sind verkraftbar, lautet das Ergebnis ihrer Studie, aber nur bis zu einem neuralgischen Punkt. »Das ist wie beim Bergaufstieg in große Höhen. Erst gibt es lange keine Probleme, dann kommt abrupt die Atemnot«, wird Rogoff wenig später in einem Interview sagen.

Sobald die Staatsschulden einen Wert von mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also der jährlichen Wirtschaftsleistung dieses Landes, erreichen, beginnt die Höhenkrankheit. Das ist das Ergebnis der Berechnungen von Reinhart und Rogoff. Von da an wächst die Wirtschaft nicht mehr, sie schrumpft schlagartig, das Land verarmt.

Noch existiert die Zahl nur in der Welt der Wissenschaft, sie wird in einem Fachjournal veröffentlicht und tritt ihren Weg in die Hörsäle und Seminarräume an.

Lange war nicht klar, wer schuld ist an dieser Krise. Die Spekulanten? Die Banken? Die verschwenderische Regierung in Athen? Es gab verschiedene Interpretationen, es galt, sich an neue Begriffe zu gewöhnen. Europäische Finanzstabilisierungsfazilität, kurz EFSF, Europäischer Stabilitätsmechanismus, kurz ESM. Die Krise war so komplex, dass der Einzelne sie kaum begriff. Umso größer der Wunsch nach Politikern, die das alles verstehen.

Der Ökonom füllt Säle, die Politik ist dankbar für seine Zahl

Rogoff erhält eine vom Stiftungsfonds Deutsche Bank finanzierte Auszeichnung, den Deutsche Bank Prize in Financial Economics, der alle zwei Jahre an einen bedeutenden Wirtschaftswissenschaftler verliehen wird. In der Jury sitzen Professoren, Journalisten, Finanzökonomen. Josef Ackermann, damals noch Vorstandschef der Bank, hält die Laudatio. »Es gibt viele dornige Themen in der Finanzwelt, und Rogoff hat viele kleine Wahrheiten herausgefunden«, sagt Ackermann vor mehreren Hundert Gästen.

»Der Preis ehrt einen international anerkannten Wissenschaftler[…], dessen Arbeit zu praxis- und politikrelevanten Ergebnissen geführt hat.« So steht es in den Statuten des Preises.

Zu diesem Zeitpunkt erfüllt Rogoff dieses Kriterium wie kaum ein anderer Ökonom. Die 90 Prozent sind das vielleicht klarste, das härteste Argument in der Schuldendebatte. Eine wissenschaftlich ermittelte Zahl ist kein Glaubenssatz, keine Ideologie. Eine Zahl ist objektiv. Sie ist wie eine Wahrheit.

Der Aufsatz avanciert zu einer der einflussreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsarbeiten der vergangenen Jahrzehnte. Nun, da die Zahl die wohltemperierte Welt der Wissenschaft verlassen hat, ist sie in die Hitze des politischen und medialen Betriebs geraten.

Zeitungen bezeichnen Reinhart und Rogoff als »Leuchttürme der Krisenanalyse«, von der »kritischen Rogoff-Marke« ist die Rede, von Rogoff, dem »Krisenversteher«, von der »Maginot-Linie« der 90 Prozent.

Und dann ist genau dieser Wert, dieser Leuchtturm der Wissenschaftlichkeit nicht nachbollziehbar. Ein kleiner Student versucht und kann es erst nicht glauben. Die Autoren, der grosse Professor, sie koennen kein Excel, haben sich verrechnet. Es gibt sie nicht, diese magische Zahl von 90 Prozent. Es gibt noch eine weitere Ungenauigkeit. Bei den Daten für Neuseeland sind ausgerechnet jene Jahre nicht berücksichtigt, in denen die Wirtschaft des Landes trotz sehr hoher Schulden stark gewachsen ist. Das verfälscht den Durchschnittswert.

Die Zahl 90 verschwindet.

Es gibt keine 90-Prozent-Schwelle mehr. Zwar ist in Ländern mit sehr hohen Staatsschulden das Wirtschaftswachstum tatsächlich etwas niedriger, aber der Unterschied ist zu gering, um eine eindeutige Aussage abzuleiten, außer dieser: Staatsschulden sind manchmal gefährlich und manchmal nicht. Bevor man ein Land zu massiven Sparmaßnahmen zwingt, sollte man lieber etwas genauer hinschauen.

So ist das mit den Oekonomen, so richtig was von Mathematik verstehen sie nicht!

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