China: Wo ist die Grenze?

29/06/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

20130629-211701.jpgChinas Aktienmarkt faellt, obwohl sich die Geldversorgung der Banken wieder stabilisiert hat, bleiben die Märkte nervös. Aus gutem Grund. Denn die Liquiditätsprobleme der vergangenen Wochen waren nur der Anfang. Die echte Straffung der Geldpolitik steht China noch bevor. Premier Li steigt erst in den Ring!

    Jetzt hat er die Provinzialfürsten noch ermahnt, ihr Aufstieg orientiere sich künftig nicht mehr am (aufgeblähten) Wirtschaftswachstum, sondern am Lebensstandard der Bevölkerung, am Ausbau der Sozialversorgung und an der Umweltqualität.

    Es war klar, auf dem Weg in eine gesunde Geldpolitik muss Li sich mit den alten Eliten anlegen. Bisher sieht es so aus, dass Li und Xi trotz der Widerstände Kurs halten. Das aber geht nur solange gut, wie sie nicht die einfachen Menschen gegen sich aufbringen.

    Das war ja der Grund fuer die Misere 2008, bevor die Sache eskalieren konnte, legte die Regierung das größte Konjunkturprogramm der Geschichte auf, im Wert von umgerechnet 500 Milliarden Euro. Zugleich koppelte sie den Renminbi an den Dollar, um den Export zu stärken, und flutete die Märkte mit viel billigem Geld.
    Das hielt zwar die 250 Millionen Wanderarbeiter still, die mit ihren Familien die Hälfte der chinesischen Gesellschaft ausmachen. Es trug dem Land aber viele jener Schwierigkeiten ein, unter denen es heute ächzt: Überkapazitäten, Überschuldung, zu viele Ausleihungen, faule Kredite, Inflationsgefahren.

    An diesem Zusammenhang hatten sich bisher auch die Mindestwachstumsraten orientiert, die für China als nicht unterschreitbar galten. Das Ceterum-Censeo lautete lange, das Land brauche „wenigstens 7 bis 8 Prozent“, um die auf den Arbeitsmarkt drängenden Landflüchtigen und das große Millionenheer der Hochschulabgänger ohne Murren unterzubringen.

    Derzeit zeigt sich jedoch, dass die Stellenlosigkeit auch bei 7,5 Prozent nicht überhandnimmt. Im Gegenteil: Viele Industriebetriebe suchen händeringend Arbeiter und müssen deshalb die Löhne erhöhen.
    Aber natürlich weiß auch Ministerpräsident Li Keqiang, dass er die Abkühlung nicht zu weit treiben kann. Er dürfte genau diese Gefahr der Arbeitslosigkeit und der Massenproteste im Hinterkopf gehabt haben, als er kürzlich versicherte, auch seine Regierung werde das Wachstum nicht unter ein „gewisses Niveau“ sinken lassen.

    Die spannende Frage ist, wo genau diese Schwelle liegt. China könnte sie in den kommenden Monaten und Jahren austesten, aber klar ist dabei eines: Jede Reformpolitik in dem Riesenreich geht nur so weit, wie sie die Massen nicht gegen das herrschende System aufbringt. Eine Rebellion der Kader könnten Xi und Li vielleicht noch aushalten, nicht aber einen neuen Volksaufstand.

    und so werden Versuchsballons gestartet:

    Bisher hat die Zentralbank die Geldversorgung noch gar nicht sonderlich verknappt. Sie hat sich bloß passiv verhalten, als die Banken untereinander plötzlich das Vertrauen verloren haben.

    Sowohl der Leitzins als auch die Mindestreserveanforderungen sind seit Monaten unverändert. Dabei handelt es sich um die wichtigsten Instrumente der chinesischen Geldpolitik.

    Auch die Kreditvergabe der Banken lag in den ersten fünf Monaten des Jahres weiterhin hoch. Sehr hoch sogar.

    Die entscheidende Kenngröße ist hier die jährliche Kreditvergabequote. Peking gibt den Instituten zu Jahresbeginn eine klare Summe vor: So viel Geld sollen sie neu verleihen.

      Diese Quote ist damit das wichtigere Instrument als die eigentliche Geldpolitik.

    Im Westen gibt es nichts Vergleichbares. Es handelt sich um Überbleibsel der kommunistischen Staatswirtschaft.

    Die Quote für das laufende Jahr liegt vermutlich bei ungefähr 18 Billionen Yuan. Das sind rund 2,2 Billionen Euro. Eine gigantische Summe – sie entspricht knapp der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands. So viel haben Chinas Banken seit 2008 praktisch jährlich an Neukredit herausgehauen. (Das ist abenteuerlich viel!)

    Der Witz ist nun, dass die Banken diese Summe in diesem Jahr schon bis Ende Mai zu mehr als der Hälfte aufgebraucht haben. Genau genommen haben sie bereits zehn Billionen verpulvert. Kein Wunder, dass die Zentralbank versichert, es müsse genug Geld im Umlauf sein. Doch für die verbleibenden sieben Monate des Jahres bleibt monatlich nun bloß noch ein Rest, der deutlich unter dem Niveau der Vorjahre liegt.

    Die bisherige Kreditverknappung hat eine andere Ursache. Es handelt sich noch gar nicht um die geldpolitische Straffung.

      Die Regierung Li hatte schlicht den Zufluss von Spekulationskapital aus dem Ausland gekappt

    .

    Chinas Kapitalmarkt ist theoretisch strikt abgeschottet. Findige Kapitaljongleure haben dennoch in der Praxis hohe Summen ins Inland geschleust. Sie haben die Beträge auf die Bezahlung realer Warenlieferungen draufgeschlagen und damit die Aufsichtsbehörden getäuscht.

    Seit dem Frühjahr schaut die Zollverwaltung nun sehr genau hin und vergleicht den Produktionswert der Waren mit dem Preis auf der Rechnung. Der Effekt der engmaschigen Kontrollen war dramatisch: Die (scheinbaren) Außenhandelsgewinne des Landes sind deutlich gefallen.

    Während im April von knapp 35 Milliarden Euro ins Land geflossen sind, waren es im Mai nur noch acht Milliarden. Diesen Wert halten Ökonomen nur für realistisch: Er bildet die tatsächlichen Bezahlungen für Exporte ab.

    Die Zentralbank wertet Geldzuflüsse in Fremdwährung als wirkliche Bereicherung der eigenen Volkswirtschaft und hat dafür frisch gedruckte (neu geschöpfte) Yuan im Inland ausgegeben. So haben die Spekulanten mit ihrem “heißen Geld” den chinesischen Kreditzirkus angeheizt. Denn das neue Geld landetete auf Bankkonten. Die Kreditmanager konnten es weiterverleihen.

    Bisher war es nur diese vergleichsweise kleine Änderung, die in den vergangenen Wochen bereits für so viel Unruhe gesorgt hat und den Shanghaier Aktienmarkt derzeit ins Bodenlose fallen lässt.

    Und jetzt holt Chinas neue Regierung zum nächsten Schlag gegen die Rückständigkeit der staatlichen Banken und Industriekonzerne aus. Das Büro des Staatsrats und andere Regierungsstellen kündigten am Freitag, den 5.7.13 an, in einzelnen Branchen gegen Überkapazitäten vorzugehen. Um die Wirtschaft zu modernisieren, komme man um geordnete Betriebsstilllegungen nicht herum, hieß es in einer Erklärung.

    Auch in dem neuen Vorstoß spielen die Banken eine Schlüsselrolle. Sie sollen künftig nur noch solche Unternehmen unterstützen, die im Einklang mit der staatlichen Industriepolitik stehen. Diese sieht einen Umbau der Wirtschaft vor: weg von einfachen Produkten mit geringer Wertschöpfung, hin zu höherwertigen, wissensbasierten Erzeugnissen. Nur wettbewerbsfähige Hersteller und solche, die sich dem Strukturwandel stellten, erhielten weiterhin Kredite, hieß es.

    Das alles scheint der neue Kurs des seit März an die Macht gelangten Ministerpräsidenten Li Keqiang zu sein.

    Hier stellt sich noch eine Frage:

    Wie werden sich moegliche Turbulenzen auf die europäische Krise auswirken ?

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