Berlin Berlin oder „kann das Neue im Alten entstehen?“

27/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Kann das Neue im Alten entstehen?

Berlin, heißt es, sei das neue Silicon Valley. Innerhalb weniger Jahre ist hier eine Szene entstanden, die Firmen wie Zalando hervorgebracht hat, das im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro Umsatz machte. Alle zwanzig Stunden wird eine neue Firma ins Handelsregister eingetragen. Leute, die eben noch Studenten waren, verkaufen ihre Idee an große Konzerne und werden plötzlich Millionäre. Wie kommt es auf einmal zu dieser Explosion des Neuen?

Räumen wir mal mit den Mythen auf: Die gängige Vorstellung, in Berlin würden sich ein paar junge Leute mittags im Café treffen, ihre Laptops auspacken, ein Programm schreiben, das etwas kann, was es bisher nicht gab, und es kostenlos ins Internet stellen, wo es innerhalb weniger Tage von Millionen Menschen benutzt wird, ist einfach Bloedsinn!

Hinter den vielen bekannten Startups stehen große Konzerne wie Bertelsmann, Springer, Otto, Tengelmann oder die Deutsche Telekom. Außerdem lassen sich die meisten Start-ups in die Geschäftsfelder Online-Handel, Spiele, Medien oder Werbung einsortieren.

Ein Gründer erzählt, wie sie ihre Nutzer in der Türkei aufforderten, Fotos von den Demonstrationen zu schicken und daraus ein Bilderfluss entstand, der die Ereignisse in Echtzeit abbildete. Auf einmal denkt man, wenn es jetzt noch möglich wäre, alle Texte, die damals über den Kurznachrichtendienst Twitter liefen, automatisch zu übersetzen und einzubinden, ergebe das eine Art Zeitung aus lauter Leser-Reportern, wie sie nur im Internet möglich ist.
So in etwa passiert Innovation..

Axel Springer ist nicht der einzige Konzern, der diese Idden in Berlin sucht. Das gilt für die Telekom wie für Fielmann, für Rewe oder Otto, für Pro Sieben Sat 1 wie für Vorwerk. Sie haben inzwischen Räume eröffnet, in denen sie eine Art betreutes Gründen ermöglichen. Sie unterstützen junge Firmengründer mit dem, was große Organisationen immer bieten können – Geld, Erfahrung, Öffentlichkeit oder Zugang zu einem Kundenstamm. Im Gegenzug beteiligen sie sich an dem Unternehmen, entweder indem sie Startkapital geben oder einen anderen Vorteil bieten Das Risiko ist für die Konzerne gering, und die Hoffnung, irgendwie doch in das nächste große Ding investiert zu haben, immer da.

Es stellt sich nur immer die Frage, warum eine Innovation offenbar nicht aus der Organisation selbst kommen kann.
Es war ja nicht so, dass Otto nicht schon einen eingeführten Namen und einen Katalog mit Produkten gehabt hätte, die es nach Hause verschickte. Warum ist es dann Amazon, das den Online-Versandhandel macht?

Die Brutmaschinen geben schon selbst eine Antwort darauf. Wenn bei jedem Gespräch jemand aus der Pressestelle der Konzerne dabeisitzt, die Start-ups bei der Telekom die Räume nicht umgestalten dürfen, bei Otto vor sechzehn Uhr der Tischkicker verboten ist und bei Springer Zettel aushängen, wer in dieser Woche Küchendienst hat.

Das „Konzernige“ steckt den Räumen eben in den Genen. Trotzdem kommt, wen immer man von den Mentoren fragt, jeder am Ende auf zwei Fragen zurück: Ist es ein Naturgesetz, dass in alten Organisationen keine neuen Ideen mehr entstehen? Und wenn sie nun schon außerhalb ausgebrütet werden müssen, wie bekommt man sie dann in die Organisation zurück, bevor die Struktur dort vollkommen veraltet?

Was die erste Frage angeht, unterscheiden sich die Antworten nicht von den Erfahrungen, die jeder macht, der schon einmal in einem großen Unternehmen gearbeitet hat. Je größer die Organisation wird, umso weiter sitzen Entscheider und Umsetzer auseinander, werden Strukturen fester, Wege eingefahrener, wird die Risikobereitschaft geringer und Statusdenken greift um sich. Und was die zweite Frage betrifft, hat keiner eine Antwort.

Vielleicht würde es einer Organisation eher entsprechen, sie konzentrierte sich auf Abläufe und Prozesse. Davon versteht sie etwas und kann Erfahrungen nutzen, die viele Start-ups noch vor sich haben, wenn sie erst merken, was für einen riesigen Unterschied es machen kann, wenn die Firma plötzlich von nur zehn auf fünfzehn Mitarbeiter wächst. Aber auch hier scheinen die alten Konzerne den neuen nachzulaufen, zeigen ihnen doch Firmen wie Rocket Internet, das sie auch Organisationsfragen bestens zu lösen verstehen.

Rocket Internet gehört zum Imperium der Samwer-Brüder, die Deutschlands erste und bekannteste Internetmillionäre waren. Sie gründeten den Online-Händler Alando und verkauften ihn an Ebay, gründeten den Klingeltonverkäufer Jamba und verkauften ihn an Verisign. Danach gründeten sie Rocket Internet und gründeten Zalando und weitere Firmen. Meist ist die Idee schon irgendwo auf der Welt getestet worden, aber Rocket Internet verbessert sie und erobert schneller und aggressiver die Märkte. Das sei „Blitzkrieg“, wie Oliver Samwer seinen Mitarbeitern in einer Mail zuletzt erklärte, bevor er sich für die Wortwahl entschuldigte. Rocket Internet mag kein neues Google oder Facebook erfinden wollen, es kopiert, aber das macht es erfolgreich. Die Freiheit, die sich das Start-up in der gängigen Vorstellung nimmt, um alles ganz neu und anders zu machen, bleibt dabei allerdings auf der Strecke.

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