Computerkontrollierte Muskeln der Cyborgs

29/11/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Die vor zehn Jahren gegründete Firma Kiva, die jetzt Amazon gehört, bietet Systeme an, die ein Warenlager selbständig, parallel arbeitend und jeden Tag rund um die Uhr betreiben: Jedes der Systeme ordnet und sortiert alle Gegenstände in den Hallen und bewegt sie bei Bedarf zur gewünschten Position. Das heißt, dass kein Lagerarbeiter mehr zum Regal gehen muss, sondern jede gesuchte Ware zum richtigen Zeitpunkt direkt vor den Packplatz gefahren wird. Die Roboter von der Größe eines anständigen Rasenmähers schieben sich jeweils unter das Regal, heben es wenige Zentimeter an und befördern es zur von der zugehörigen Software festgelegten Position.

Das ergibt sich ein Logistikzentrum, in dem sich erstaunlich wenige Menschen bewegen. Kunden von Kiva sind nicht nur die Riesen der Shopping-Branche, sondern auch Arzneimittellager und Ersatzteilhallen aller Art, all jene Unternehmen also, die ähnliche Optimierungsziele in der Lagerlogistik anstreben.

Es geht darum, Arbeitskosten einzusparen und die Effizienz bei den verbliebenen Menschen drastisch zu erhöhen.

Nach dem Kauf von Kiva hat Amazon zuerst die Produktion ein paar Gänge hochgeschaltet, denn allein der Robotereigenbedarf ist etwa dreimal höher als die Gesamtproduktion der Firma seit ihrer Gründung.

Schätzungsweise 18.000 der weitgehend selbständig arbeitenden Maschinen werden nun für die weltweiten Amazon-Lager produziert. Der Verkauf der Systeme für interessierte Dritte wird zumindest in den Vereinigten Staaten zunächst zurückstehen müssen. In Europa baut Kiva derweil Lager für andere Versandhäuser – die große Automatisierungswelle steht hier noch aus, da die Optimierungspotentiale der menschenbetriebenen Lager noch nicht ausgereizt sind.

Die Auslieferungslager stehen vorzugsweise in sogenannten strukturschwachen Regionen, also dort, wo die Menschen über jeden bezahlten Arbeitsplatz erfreut sind – und sei er noch so anstrengend oder gering bezahlt.

Amazon ist der Vorreiter der Optimierung solcher Prozesse bis zur logischen Konsequenz der vollständigen Automatisierung. In Deutschland sind bislang noch Menschen Teil dieser Abläufe, mit all ihren Mängeln, Bedürfnissen und Leistungsschwankungen. Konsequenterweise ist daher jeder Handgriff normiert, die Erfolgskontrolle harsch und allumfänglich und das System zur ständigen Erhöhung der Zielvorgaben frei von Rücksichtnahmen.

Das Problem dabei ist, dass die Gewerkschaften hier gleichzeitig gegen zwei Bedrohungen antreten.

Zum einen deutet Amazon durch den Aufbau neuer Versandzentren direkt hinter der Grenze zu Polen schon an, wo es derzeit noch billigere, willigere Arbeitskräfte gibt als in den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands.

Zum anderen droht die Automatisierung, die jedoch weit weniger thematisiert wird. Sobald durch Mindestlohn oder Tarifvereinbarungen die Kosten für die Arbeiter diejenigen eines Kiva-Robotersystems überschreiten, wird der Konzern kaum zögern, die lästigen potentiellen Streikenden „freizusetzen“. So dringend notwendig ein flächendeckender Mindestlohn ist, um prekäre, unwürdige Arbeitsverhältnisse zu beenden, so wesentlich ist auch die bisher kaum geführte Diskussion um die Automatisierungsfolgen.

Und auch die letzten Paketpacker haben eine eher begrenzte Aussicht auf Jobsicherheit – nur noch so lange, bis auch sie überflüssig werden, weil es dann Roboterhände gibt, die verschiedenste Gegenstände greifen können. Da die Menschen nur noch ausführen, was die Software ihnen vorgibt, sind sie schon jetzt nur noch Aktoren – im Grunde also nicht viel anderes als computerkontrollierte Muskeln.

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