gescheit gescheitert

09/01/2014 § Hinterlasse einen Kommentar

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The very best piece of writing I’ve encountered on Twitter comes from a feed called NeinQuarterly.

Here it is: “At Starbucks I order under the name Godot. Then leave.”

Vor 2 Jahren er, Jarosinski, zu twittern begonnen. Mit seinen klugen, geschliffenen Aphorismen und Späßen begeistert er nicht nur mich.

Chefredakteure und Verleger beginnen damit, sich für seine Arbeit zu interessieren. Er gefällt sich in seiner neuen Rolle als gescheiter(ter) Akademiker.

Im Januar soll sein Blog starten, mit dem er künftig Geld verdienen will. Mal sehen, ob er ähnliche Entwicklungswege durchmachen muß, wie Mark Zuckerberg.

Auszüge aus Interview mit Richard Gutjahr:

Wie hast Du so gut deutsch gelernt?

Ich habe meine Freundin oft besucht und später dann auch unter anderem in Bonn studiert.

Hat man dir dort auch beigebracht, wie man das “Ü” ausspricht?

Das “Ü” habe ich auf die harte Tour gelernt. Das war bei Plus an der Kasse. In Amerika bekommst Du beim Einkaufen ja immer automatisch eine Tüte. In Deutschland muss man danach extra fragen. Also habe ich nach einer Tüte gefragt. Leider konnte ich damals noch kein richtiges “Ü”. Die Kassiererin schaute mich komisch an und rief dann laut rüber zu ihrer Kollegin: Der junge Mann hier hätte gerne eine “Tote”!

Du twitterst noch keine 2 Jahre. War dieser Stil, den du prägst, eine bewusste Entscheidung, oder hat sich das einfach so ergeben?

Das hat sich so ergeben. Das sind nun mal meine Themen. Meine akademischen Interessen sind darin präsent, meine politischen Interessen. Meine Biografie, aber auch der Alltag, das spielt da alle irgendwie mit rein. Im Grunde genommen ist das ja auch eine Geschichte, die durch diese ‘Persona’ erzählt wird. Das Witzige in meinen Tweets hat ja auch immer eine gewisse Schattenseite, was oft gar nicht witzig gemeint ist.

Psychologische Abgründe in 140 Zeichen?

Ja, aber das ist quasi mein Umgang mit dem Leben. Was ich mit Twitter gemacht habe im letzten Jahr, waren ja auch Live-Tweets vom Ende meiner akademischen Karriere. Ich habe irgendwann verkündet, dass ich meine Forschungsarbeit nicht zu Ende führen werde sondern lieber weiter Witze im Internet mache.

Twitter hat dich verdorben und vom rechten Weg abgebracht?

Twitter war eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich hatte das Gefühl, dass meine Welt dadurch irgendwie größer wird und nicht kleiner. Ich kam in Kontakt zu Leuten, die ich sonst vermutlich niemals kennengelernt hätte. Ich bin sogar meinen eigenen Kollegen über Twitter ganz anders begegnet, Leute, mit denen ich oft schon im selben Raum stand. Aber in diesem akademischen Tagungskontext hatte ich denen irgendwie nichts zu erzählen. Ich war da eher dieser nervöse, etwas angstgeplagte Typ, der sich lieber versteckt. Über Twitter und über die Performance dieser ‘Persona’ habe ich einen ganz andern Zugang gefunden.

Könntest du dir noch ein Leben ohne diese neue Welt vorstellen?

Ich habe mehrmals versucht wegzukommen von meinen blöden Witzen und endlich mein Scheiss-Buch fertig zu schreiben. Am Ende war Twitter stärker.

Kann es sein, dass diese ‘Persona’ schon immer du warst und dein akademisches ‘Ich’ nur dein Avatar?

Ja. Inzwischen bin ich sogar davon überzeugt! Irgendwann musste ich mich ja dieser Frage einfach mal stellen. Wenn ich heute Menschen begegne, kann ich meinen Prof-Avatar inzwischen zuhause lassen, eine Rolle, die ich nie wirklich gerne gespielt habe. Ich hatte immer das Gefühl, ich war dieser Rolle nicht gewachsen. Bei Twitter ist das anders. Da mache ich das, was ich kann, und wenn jemand das gut findet, ist das super und wenn nicht, naja, dann ist das eben so. In jedem Fall bin ich authentischer. In der Rolle dieses gescheiterten Intellektuellen fühle ich mich eigentlich sehr wohl.

Und davon kann man leben?

Das wird sich zeigen. Ich habe das Gefühl, einen gewissen Beitrag zu leisten. Ich weiß noch nicht genau wozu, aber ich habe schon den Eindruck ich mache da etwas, was den Menschen gefällt.

nein personaDie Erfindung dieser ‘Persona’, deines Twitter-Avatars, kam das eher zufällig oder geschah das bewusst?

Das geschah ziemlich bewusst. Ich wollte eine Art Adorno-Figur entwickeln, dieses Elitäre dabei aber stark überzeichnen. Deshalb auch dieser Monokel. Eine kritische Stimme, die etwas zu sagen hat, die etwas intelligentes sagen will, die aber manchmal auch dumm ist weil sie so blind intelligent ist. Ich wollte damit auch die Kritische Theorie, die ja viele Menschen anfangs abschreckt, zugänglicher machen. Warum nicht auch mal etwas respektloser mit diesen ganzen Typen umgehen?

Die Stars der Frankfurter Schule von ihrem Sockel reißen?

Warum nicht! Manche von ihnen würden das vielleicht sogar begrüßen. Im Übrigen klebt diese ‘Persona’ ja nicht allein an der Kritischen Theorie. Zum Teil ist das ja auch eine sehr nihilistische Kritische Theorie. Worauf es mir am Ende ankommt ist, dass man eine solche kritische Figur sehr einladend macht, um den Menschen klar zu machen: Diese Perspektiven, diese ganze Lehre ist für dich da und nicht umgekehrt. Durch diese reduzierte Sprache bei Twitter lässt sich oft viel mehr ausdrücken und zugleich auch ein viel größeres Publikum erreichen, als mit langen Texten, die ja sonst nur wieder die üblichen Verdächtigen studieren würden.

Twitter befreit uns von alten Zwängen?

In meinem Fall ist das so. Aber Twitter kann auch sehr unglücklich machen. Man kann sich dort auch sehr einsam fühlen, wenn man so vor sich hin schreibt und das Gefühl hat, alles was man da schreibt, verliert sich irgendwo im Nirvana. Jeder, der mit Twitter mal angefangen hat, kennt diese Momente. Und dann führt die Anonymität im Netz natürlich auch oft zu bösen Bemerkungen. Da brauchst du ein dickes Fell. Ich entwickle das so langsam, aber leider dauert das eine Weile. Wenn böse Kommentare kommen, trifft mich das leider sehr. Viele denken ja, dass sich hinter meinem Account eine ganze Redaktion verbirgt, die wissen gar nicht, dass da nur ein einzelner Typ gerade im Bus sitzt und was in sein Smartphone tippt.

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Wann entstehen deine besten Tweets?

Die Tweets, die ich selber gut finde, entstehen meist in einer Kette von anderen Tweets. Ich habe auch schon mal versucht, Tweets auf Halde vorzuproduzieren und automatisiert zu senden. Das funktioniert irgendwie nicht. Mir ist es wichtig, dass meine Tweets live entstehen und dann im Kontext in diesem Raum schweben.

Wie konnte es eigentlich passieren, dass Deutsch in den USA auf einmal hip wurde?

Das würde ich gerne erklären können. Da sind die Assoziationen vor allem mit Intelligenz, allerdings Intelligenz mit Abstand. Dann ist da diese deutsche Identität, die man so leicht parodieren kann. Wenn du als Amerikaner sagst: “Well, it’s German” dann hat das gleich diese Bedeutung von… wie soll ich sagen…

…intellektueller Verkrampftheit?

Vielleicht auch, ja. Auf alle Fälle, es ist etwas intelligentes. Damit spiele ich ja auch gerne in meinen Tweets: Einerseits, indem ich diese Intelligenz der Deutschen zwar anerkenne, andererseits, wenn ich versuche, mich sogar noch einen Tick intelligenter zu machen, indem ich das auch ironisiere, weil ich die Assoziationen natürlich kenne, die Amerikaner mit diesem ‘German’-Sein nun mal haben.
Das Deutsche steht für eine gewisse Moderne, mit allen Vorteilen aber eben auch negativen Aspekten. Eine gewisse Form von Post-Moderne oder vielleicht sogar auch schon Post-Post-Moderne.

Weil man als Nicht-Deutscher mit dem “Ä” am wenigsten Probleme hat?

Jein. Am “Ä” erkennt man so ziemlich am besten, ob jemand wirklich in Deutschland gelebt hat. Denn als Anfänger habe auch ich es mir leicht gemacht und es jahrelang wie ein “E” ausgesprochen: Universi-teeeet. Oder “Ä” wie in “cake”.

Wie geht’s weiter?

Jetzt verbringe ich erst einmal mein letztes Semester an der Uni. Das fällt mir gar nicht so leicht, wenn man zwar noch da ist, aber irgendwie auch nicht mehr. Ein etwas gespenstisches Dasein. Dann geht es weiter mit dem Blog, das startet im Januar. Inzwischen habe ich mein Team von Gastautoren zusammen, die meisten haben inzwischen auch schon ihre ersten Texte geschickt. Dazu wird es dann auch eine App geben, sofern Apple die noch rechtzeitig genehmigt. Es gab auch schon Anfragen von Verlagen. Aber das lasse ich alles auf mich zukommen. Ich finde, dass “mal langsam!” gar kein schlechtes Motto ist. Man muss aufpassen, dass es nicht zu sehr zu einem Job wird. Weil wenn es eines Tages nicht mehr Spaß macht, will ich es auch nicht mehr machen.

NeinQuarterly: German words are not too long. Life is too short.

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