Zeitenwende-1

17/01/2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Wir sind eine Weile umhergewankt und haben versucht, auf die alte Weise mit einer neuen Zivilisation umzugehen, aber wir müssen anfangen, diese Welt zu verändern.“

Thomas Edison schrieb diese Worte 1912 in einem Brief an Henry Ford. Edison sah die Vereinigten Staaten am Abgrund zu einer neuen industriellen Zivilisation stehen, aber statt Jubel empfand er Verzweiflung.

Heute stehen wir am Rand eines ähnlichen Abgrunds. Die von Edison und Ford hinterlassene Welt liegt hinter uns. Wir sind heute im ersten Schritt zur einer Informationszivilisation, die das Leben aller Menschen verändern wird.

Und es geht um weit mehr als die NSA, Big Tech oder Tagespolitik.

Edison befürchtete, ohne epochale Führung werde das Versprechen der industriellen Zivilisation scheitern – zum Schweigen gebracht durch den Willen zur Macht. Die rasche Industrialisierung stellte die amerikanische und die europäische Gesellschaft vor Herausforderungen, die ihr Vorstellungsvermögen und ihre Fähigkeit überstiegen, die Lawine der Veränderungen mit einer umfassenden Vision jener Zivilisation zu versöhnen, die sie sich wünschten.

In Amerika waren Jeffersons Ideale schwarz von Ruß, als dort die Industrieproduktion die aller Konkurrenten übertraf. Trotz riesiger neuer industrieller Vermögen waren für gewöhnliche Menschen das Leben kurz und der Arbeitstag lang und gefährlich. Die Hälfte aller Stahlarbeiter verdiente weniger als achtzehn Cent pro Stunde, und ein Drittel arbeitete sieben Tage in der Woche ohne jede Bezahlung von Überstunden. Armut war die Norm, und wenige herrschten über viele. .

Edison erkannte, dass die Herausforderungen der Zukunft nicht technologischer, sondern institutioneller, sozialer und moralischer Art waren. Er beschrieb die „Verschwendung“ und „Grausamkeit“ der alten Ordnung als „grundfalsch“ und „aus dem Lot“. Er erkannte, dass alles – Gesetze, Geschäftsleben, Arbeit, Politik, Bildung – neu erfunden werden musste, wenn die neuen Technologien ihr Versprechen einer erfolgreichen industriellen Zivilisation erfüllen sollten.

Heute stehen wir vor einem ähnlichen Dilemma. An die Stelle der Industrie als Prägeform der Zukunft ist die Information getreten, und Dinge, die wir für stabil hielten, erweisen sich als unsicher: Industrien, Arbeitsplätze, Bildung, das Gesundheitswesen und selbst die Definition unserer Rechte, Pflichten und Freiheiten. Jede Institution, jede Praxis, jeder Zweck, jeder Rahmen und jede Annahme stehen vor der Neuerfindung.

Wieder einmal sterben die alten Formen ab, und man kann sich nur schwer vorstellen, was an ihre Stelle treten wird.

Man beachte, dass die vergangenen zwei Jahrzehnte der Informationsrevolution die höchsten Werte für Armut und soziale Ungleichheit seit Edisons Zeiten in allen OECD-Ländern aufweisen!

Ein ganzes Füllhorn „revolutionärer“ Technologien hat nur wenig Revolutionäres bei all den Dingen bewirkt, die wirklich bedeutsam für eine erfolgreiche neue Zivilisation wären: gemeinsamer Wohlstand, demokratische Werte, Rechtsstaatlichkeit, breite gesellschaftliche Partizipation, Lösung von Umweltproblemen und Ressourcen für individuelle Verwirklichung auf allen Ebenen der Gesellschaft. Zusammen ergibt das eine schwierige Lektion: Nicht Technologien erschaffen erfolgreiche Zivilisationen. Das können nur Menschen.

Wir sind in einem Zivilisationsübergang begriffen, und wie zu Edisons Zeiten bedarf es der Erfindung und Neuerfindung von Institutionen. Die Technologie übersteigt unsere gemeinsame Fähigkeit, selbst zu bestimmen, welche Art von Zivilisation wir haben wollen.

    Wie können wir das Digitale für eine umfassendere Vision einer wohlhabenden, inklusiven, demokratischen und gebildeten Gesellschaft nutzen? Wie kann die Informationszivilisation unser dringendes Bedürfnis nach einem Überleben der Umwelt und die individuellen Wünsche nach guter Arbeit und einem guten Leben erfüllen?

Im Augenblick gleicht der Weg vor uns einem klassischen Paradoxon mit zwei umfassenden Szenarien, die beide plausibel sind, aber im Widerspruch zueinander stehen. Einfach gefragt:

Werden wir die Herren der Information oder deren Knechte sein?

Schauen wir in die eine Richtung, gibt es Grund zum Optimismus. Die digitale Welle hat die alten institutionellen Grenzen eingeebnet und lädt Milliarden Menschen ein, in ihren Wassern zu spielen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen nutzen etwa vierzig Prozent der Weltbevölkerung heute das Internet, um Informationen zu suchen, zu sammeln und miteinander zu teilen.

Aber ein Schatten verdunkelt diese Vision und weist in eine dunklere Zukunft. Es wird kein blühendes, vernetztes Weltbürgertum geben

    ohne Vertrauen ins digitale Medium

.
Ich meine das tiefe, unerschütterliche Vertrauen, das den Kitt jeder erfolgreichen Zivilisation oder Gesellschaft bildet. Es ist dieses Vertrauen, das mich mit dem Auto oder zu Fuß eine Straße überqueren lässt, wenn die Ampel auf Grün springt. Es erlaubt mir, mich in Wort und Tat auszudrücken, ohne befürchten zu müssen, dass jemand nachts an die Tür klopft. Dieses Vertrauen ist beträchtlich geschwunden.

„Big Tech“ wurde groß, weil es Nutzer ins Zentrum der Welt stellte. Aber als Google, Facebook und andere größere Profite brauchten, verkauften sie unsere Daten an Werbetreibende und Händler, die uns nach Belieben ausspähen und zum Ziel nehmen konnten.

Unsere Aussichten auf eine institutionelle Neuerfindung sinken mit der Zerstörung des Vertrauens.

Edward Snowdens fortwährende Enthüllungen über die NSA und die mögliche Zusammenarbeit zwischen NSA und „Big Tech“ haben das Vertrauen erschüttert. Die meisten „Big Tech“-Manager haben die Sorgen hinsichtlich der Ausspähung von Daten im Inland und ihrer eigenen Rolle dabei trotz der verheerenden Folgen des wachsenden Misstrauens heruntergespielt.

Erst als Länder wie Deutschland und Brasilien eine Diskussion über eine neue Internetstruktur eröffneten und Anzeichen für eine substantielle Gefährdung der aktuellen und zukünftigen Profite sichtbar wurden, schlugen die „Big Tech“-Führer andere Töne an.

Bis vor kurzem hielten die meisten die NSA für einen geheimen, aber effektiven, auf Daten konzentrierten Zweig des amerikanischen Geheimdienstes. Snowdens Enthüllungen vermitteln ein anderes Bild – das eines Schattenregimes, das keine geographischen oder politischen Grenzen kennt und keinen Staaten, Bürgern oder Gesetzen Rechenschaft schuldet.

Der unstillbare Datenhunger der NSA wurde von Terroristen ausgelöst und zielte möglicherweise ursprünglich darauf, die Welt vor Terror zu schützen. Aber jetzt hat das Bild sich gewandelt. Jetzt ist die NSA nahe daran, selbst der Terror zu sein.

Aus dieser Perspektive ist eine Informationszivilisation eine bedrohliche Aussicht, in der das Internet zum Ort eines neuen, digital gestützten, durch eine Verschmelzung privatwirtschaftlicher und staatlicher Interessen untermauerten Totalitarismus wird. Wir sind frei, aber nur wenn wir einwilligen, nackt zu sein und ständig im Licht zu stehen.

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