Scharfe Daten-Suppe

23/03/2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Selbst die CeBit erkannte, dass eine wichtige gesellschaftliche Debatte ansteht und verpaßte dem Thema-wie könnte es anders sein-ein neues buzzword. Unter dem Titel „Datability“ – sie meinen damit den „nachhaltigen“ Umgang mit Daten – will sich die IT-Industrie, aufgeschreckt durch die Snowden-Enthüllungen, an dem Diskurs beteiligen, der sich den Chancen und den Risiken der digitalen Moderne widmet.
Sie denkt natürlich an die Chancen, mir erscheinen dagegen die Risiken wie eine schwarze Mauer, die fast unvermeidlich ist.

Die CeBit zeigt es ja, es geht rasant weiter: IBM’s Supercomputer Watson versucht die Medizin auf den Kopf zu stellen. Er sammelt Daten und spuckt Diagnosen aus und soll zum goldenen Kalb im gewaltigen medizinisch-digitalen Gesundheitsmarkt werden. Es gibt jetzt schon 70000 Apps, die nichts anderes im Sinn haben, als Informationen aus unseren Körpern zu sammeln, alle möglichen Vitaldaten abzusaugen und sie natürlich genial zu interpretieren. Schon wissen diese Digitalgiganten mehr über uns „ihre Kunden“ als wir auch nur ahnen können und der Schritt zur Manipulation ist ja nun wahrlich nicht weit.
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Aber es geht ja noch intelligenter. Will man etwa wissen, was jemand wie Bezos vor hat, dann muß man aufpassen, denn die elektronischen Medien haben schon jetzt unser aller Denken verändert.. Intellektuelle sagen, dass die Signatur der postmodernen „elektronischen Welt“ ein Überschuss an Gegenwart ist und dass diese Gegenwart-und das ist das fatale- durch die elektronischen Medien selbst erzeugt ist. Es ist ihr blinder Fleck. Das ist selbstreferentiell. Jeder Mathematiker weiß, dass es an dieser Stelle gefährlich wird.

Hier muß man zu den Anfängen zurück, das ist nötig um die schon manipulierte GEGENWART transparent zu machen:

In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts versuchten Norbert Wiener und andere die „Arbeitsweisen des lebendigen Individuums“ im neuen Fachgebiet Kybernetik zu verstehen um “ neue Maschinen mit rückgekoppelter Kommunikation zu bauen “. Es war ein herausforderndes Unternehmen, denn dabei traten Probleme auf. War es doch bei den Versuchen schon kompliziert die gedachten „Roboter“ ein volles Glas Wasser an den Mund führen zu lassen.

Denn bei diesen Versuchen steuerte ja kein „Wille“, sondern über eine Abfolge von „Echtzeit“-Daten und Berechnungenmuß das Glas den Weg zum Mund des Roboters regelrecht f i n d e n. Mathematisch gesprochen ist in der zugehörigen Optimierungsfunktion der Mund das „Ziel“ des Glases.
Klingt komisch, ist aber wichtig! Denn um mit dem Glas zum Mund zu gelangen braucht man dauernd zielführende Bewegungskorrekturen. Bei diesen Korrekturen ist es entscheidend, in welchen Abständen Ist- und Sollwert verglichen werden und in der Folge, wie stark die Bewegung korrigiert wird. Die „Richtigkeit“ dieses Echtzeitsystems hängt also weniger von den Ergebnissen der Berechnung als vielmehr von der Zeit ab, zu der die Daten vorliegen.

Wird das Feedback etwa zu häufig vorgenommen, dann entsteht soetwas wie ein „clumsy behavior“: Der Roboter verschüttet das Getränk gerade durch die Bewegungen, die das verhindern sollten. Das System gerät in Oszillationen. Dieses Verhalten kann man in „real life“ bei Versuchspersonen mit Intentionstremor beobachten.

Die Kybernetik beschäftigt sich schon lange mit diesen Erscheinungen des Zusammenbruchs. Sie betrachtet das Thema sogar als ihr ureigenstes Gebiet, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf das „Dazwischen“ lenkt, also auf die Phänomene der „Echtzeit“ und mit ihnen insbesondere die Intervalle des Eingreifensuntersucht. Sie sind das Bedeutende,mit ihnen kann man durch geeignete Intervention eine bestimmte Systemleistung garantieren.

Soweit so gut!

Jetzt aber kommt zu den ganzen Überlegungen noch das Zauberwörtchen „Prädiktion“ hinzu, denn natürlich werden die „zielführenden“ oben skizzierten Aktionen komplizierter, wenn das Ziel nicht stillsteht.

    Eine Katze, die eine flüchtende Maus fangen will, springt nicht dorthin, wo die Maus gerade ist, sondern wo sie demnächst sein wird. Sie springt in die Zukunft der Maus. Wer ein Flugzeug mit einer Drohne abschießen will, muss die Ausweichtaktiken des Feindes lesen und die Daten interpretieren, um ihn in seiner Zukunft zu erwischen.

Das Ergebnis dieser Prädiktion wird umso besser, je mehr Daten vorliegen. Und jetzt sind wir im Heute angelangt, denn das genau kann BigData, darin sind die BigData-Technologien gut. Sie implementieren im wesentlichen das, was die Theoretiker der Kybernetik vorgedacht haben.

    Was diese kybernetische Suppe aber erst so richtig scharf macht, ist der Gedanke der Verteilung, d.h. der Möglichkeit die einzelnen Handlungschritte der Zielführung mit Intervention auf „Teilsysteme“ zu verteilen.

Eine solche „Abfolge“ kann nun aus einem Verbund von „intelligenten“ Menschen- und auch Maschinenbestandteilen bestehen . Cyborg läßt grüßen!
Der Mensch ist in einem solchen Konstrukt nur Systemteil einer Metakonstruktion der Zielführung.

Nein, das ist keine Zukunftsmusik, untersucht werden solche Modelle in der Akteur-Netzwerk-Theorie. Ihre Grundidee ist das gemeinsame Hervorbringen von Wissen durch menschliche und nichtmenschliche Bestandteile.
So formuliert, hört es sich erstmals nicht brisant an, denn es geht darin ja „nur“ um -formal gesprochen- Systeme der Steuerung und Kontrolle in Form von rückgekoppelten Echtzeitsystemen aus menschlichen und nichtmenschlichen Bestandteilen.

Bei genauerem Hinsehen ist das jedoch gefährlicher als die Abhöraktionen der NSA, da dieses Vorgehen das Potential hat uns zu Elementen von übergreifenden Maschinen zu machen.

Ohne dass wir es merken werden die Menschenrechte -nicht nur die Bürgerrechte – in unvorstellbarem Ausmaß untergraben!

Diese „zielführenden Systeme (machines à gouverner) im Politischen“ zu installieren -modellieren läßt sich das schon heute- bedeutet, dass BigData zum Rohstoff wird, aus dem „die Elite“ die Zukunftsmaschine baut und den menschlichen Geist, den Wunsch nach Freiheit wie bei einem Blitzableiter ableitet (der Überschuß an Gegenwart macht’s möglich!)

Nichtdeterministische Teleologie heißt das Zauberwort, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Freier Wille, Demokratie und Bürgerrechte adé.

    1. In meinen Augen war die sich im Mittelalter entwickelnde Leibeigenschaft noch human, vor dem was sich da abzeichnet. Sie umfaßte nur den Körper und nicht wie dieses perfide System auch den Geist!
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