Der amerikanische Albtraum

29/06/2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Polanyi ist ja nicht der einzige, der die zerfallende Gemeinschaftswelt in den Blick genommen hat. George Parker schaut anders, aber mindestens genauso klar!

http://www.amazon.de/Die-Abwicklung-innere-Geschichte-Amerika/dp/3100001575

  
George Packer fragt sich, warum die Kirchen, die Gewerkschaften und die Zeitungen den Zerfall der amerikanischen Gesellschaft nicht aufgehalten haben, warum sie den  Prosperitätslegenden der Eliten in Washington, New York und im Silicon Valley auf den Leim gegangen sind und  wie es Banken und Kreditinstitute gelingen konnte, im Weißen Haus und im Kongress diese Gesetze durchzusetzen und zu warum die „Main Street“ an die Wall Street gefallen ist.

George Packer ging der Sache auf den Grund gehen und schrieb eine Beeindruckende Kapitalismuskritik:

Das Ergebnis seiner Gedanken und Recherchen heißt „die Abwicklung“ und ist   niederschmetternd.  Er erzählt  ausführlichen in biografischen Porträts und Miniaturen, die sich über die vergangenen 35 Jahre erstrecken, von der schleichenden Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in den USA.

Dabei kommt Packer fantastischerweise ganz ohne raunende Untertöne aus, die sich vom Ressentiment gegen das Neue nähren und auch ganz ohne das Pathos hochkultureller Bildung, welche sich  schwarzseherisch gegen die Moderne wendet.

Packer versteht sich als Seismograph.  Er hat kein  Buch voller Sätze geschrieben hat, die man laufend markieren und zitieren möchte, sondern ein Buch über Situationen, Stimmungen und (Lebens-)Lagen, die sich fast unmerklich ändern.

Es ist die perfekte formale Entsprechung zu Packers inhaltlichem Befund.

Er kann keinen Schuldigen ausmachen und „die Abwicklung“ der USA nicht personifizieren. Er weiß, dass die  Veränderungen sich schleichend, allmählich, fast unbemerkt vollziehen; und dass die Logik des Kapitals das menschliche Miteinander systemisch, abstrakt, anonym und beinah ungreifbar zersetzt. Deshalb arbeitet er mit laufend wechselnden Perspektiven und Biografieausschnitten, um ein schlüssiges Bild entstehen zu lassen, das den Prozess kommunizierbar macht.

 Man kann dieses Buch nur ganz lesen oder gar nicht. Wer es aber gelesen hat, der weiß hernach unendlich viel (mehr) über Amerika, den Kapitalismus und die verhängnisvolle Macht des Geldes. Der ist nicht besser ausgerüstet mit Phrasen für die nächste Kapitalismus-Diskussion – aber den Verdikten und Phrasen der Bastardliberalen und Marktapologeten ein für alle Mal entwachsen.

 

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