Kapitalismus, Vergesellschaftung und die Codes der romantischen Liebe

17/04/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Eines scheint mir nach längerem Nachdenken über den Kapitalismus klar: 

Um Arbeitskraft als „Ware“ betrachten zu können, musste man den Menschen erst seiner natürlichen Daseinsfürsorge berauben und ihn aus seinen solidarischen Gemeinschaften herauslösen. Kapitalismus bedeutet Vergesellschaftung des Menschen und damit Vereinzelung. Das war ein langer Prozess! 

Solidarität ist etwas, das wesentlich zur Kollektivform Gemeinschaft gehört und im Laufe der Vergesellschaftung neutralisiert und abgewertet (Vitamin B! ) wurde. Um wirklich solidarisch zu sein, muss man jemanden kennen, muss einem jemanden nahe sein.

Da im Kapitalismus menschliche Arbeitskraft als Lohnarbeit handelbar wird,  wurde alles daran gesetzt die „neuzeitlichen Massen“ so zu formen, dass sie „unter dem Apriori der Verkäuflichkeit“ ihr Lebendiges zum Ding machten  (siehe Georg Lukács‘ Verdinglichungsthese!). Bei der Implementierung des Kapitalismus in den vergangenen Jahrhunderten wurde das Gemeinschaftsprinzip immer weiter zurückgedrängt und parallel dazu die Vergesellschaftung vorangetrieben. 
Die Menschen wurden aus den solidarischen Gemeinschaften herausgelöst, die Zünfte, die Dorfgemeinschaften, die Religionsgemeinschaften und seit dem ausgehenden 20igsten Jahrhundert auch die Parteien und die Familien verlieren an Bedeutung. Alles Gemeinschaftliche  wurde peu à peu dem Verfall preisgegeben.  

Das hatte und hat weitreichende Folgen. Ersteinmal sah alles positiv aus, dem Einzelnen war es pötzlich möglich den Einschränkungen der Ständegesellschaft zu entfliehen und er wurde zum Subjekt. Damit eng verbunden ist der schillernde Begriff der Freiheit. 

  
Parallel zum Verfall  des Gemeinschaftlichen entstanden  unsere Codes der romantischen Liebe im ausgehenden 18. Jahrhundert. Sie sind offensichtlich Teil des kapitalistischen Systems.

Gerade durch die Vereinzelung entstand Sehnsucht nach Nähe. Diese zu befriedigen, dafür war nun die romantische Liebe auserkoren. In der Feudalgesellschaft gab es sie zwar schon, wurde aber vorrangig als Gesellschaftsspiel gehandhabt. Ehe und Familie auf eine rein emotionale Beziehung zu gründen, statt auf ökonomische oder andere handfeste Erwägungen, das war ein radikal neuer Gedanke in dieser Zeit.

Auch die Vorstellung einer unkontrollierbar und krankheitsartig auftretenden Verliebtheit war neu. Dabei geht es immer um den schillernden Begriff der Freiheit und oft um  eine besondere Sphäre für Privatheit und Intimität. 

Wenn uns auch heute Romane und Filme etwas ganz anderes suggerieren, gerade die privaten Welten sind institutionell geprägt,  denn hier taucht die Frage nach den Freiräumen auf.  „Liebende Subjekte“ sollen nun zwar frei entscheiden dürfen, aber sie werden von Kindesbeinen an von den Konsum-Ritualen  (Kino, Restaurant, Hochzeit in Weiss usw) codiert. Es fühlt sich für den Einzelnen n u r gut an, wenn beide Partner diese Codierungen erfüllen. Wenn nicht, wird das  Individuum beschäftigt durch  Chaos,  unbegreifliche Erlebnisse, aufwühlende Gefühle und unvernünftige Taten. 

Auch das passt ins soziologische Bild. Die krankheitsähnliche, unbeherrschbare Verliebtheit – der „Wahnsinn zu zweit“ – steht für die Autonomie dieser neu entstandenen Sphäre gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Liebe soll sich durch nichts kontrollieren lassen, außer durch sich selbst. Sie soll sich auch nicht durch äußere, „vernünftige“ Kriterien wie ökonomischen Nutzen, religiöse oder verwandtschaftliche Zugehörigkeit oder anderes regulieren lassen. 

Gerade in der Unvernunft der Liebenden steckt also  deren gesellschaftlicher Sinn. Durch die Entstehung einer eigenen Sphäre für intime Kommunikation werden deren Chancen und Risiken hochgetrieben.  Nirgends erwarten wir mehr Glück, mehr Erfüllung, mehr Lebenssinn und zwischenmenschliche Tiefe als in Paarbeziehungen und Familien. Nirgends gibt es aber auch mehr Unglück und mehr katastrophale soziale Verläufe als in unglücklichen Liebesbeziehungen, scheiternden Ehen und zerrütteten Familien. Wie praktisch!

Es ist schon sehr subtil, denn gerade diese Risiken und Folgeschäden gehören zu der modernen Gesellschaft – genauso wie etwa die regelmäßigen Wirtschafts- und Finanzkrisen der ausdifferenzierten Geldwirtschaft. Sie schöpfen Energie ab und machen die Masse steuerbar, gerade durch die vermeintliche Selbstbestimmung. Schon ziemlich perfide das Ganze!

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