Geschichte Georgiens

24/09/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

http://georeisen.blogspot.de/2014/11/1800-jahre-deutsch-georgische.html

Es ist soviel passiert in dem Land, wenn man hindurch reist wird man dauernd mit Geschichte konfrontiert. Deshalb hier der Versuch einen Überblick zu gewinnen:

An den Südhängen des Kaukasus, östlich vom Schwarzen Meer, an der Kreuzung zentraler Handelsrouten von Heer- und Seidenstraße, war Georgien Jahrhunderte lang Durchgangsland für Reisende nach Persien, Indien oder China.



Fest steht, dass Georgien schon in der Altsteinzeit besiedelt war. Neueste archäologische Grabungen in Ostgeorgien bezeugen die Kultivierung vor 1,8 Millionen Jahren, lange vor der Besiedlung Mitteleuropas. Dazu gehört auch der spektakuläre Fund des ältesten europäischen Menschen in Dmanisi.



Etwas südlicher auf dem heutigen Gebiet der Türkei liegt der Berg Ararat, der legendärer Landeort der Arche Noah. Geschichtlichen Quellen aus dem 11. Jh. zufolge, leiten die Georgier ihre Herkunft vom mythischen Stammvater Kartlos ab, dem Sohn des Targamos, der ein Urenkel Noahs gewesen sein soll.  

 Eine bedeutende ethnische Gruppe in diesem Kontext bildete der verwandte Stamm, der  „Meskhen“. Sie waren bekannt für ihre hoch entwickelte Metallurgie und schon Aristoteles beschreibt ihr besonders helles und glänzendes Kupfer (welches später nach ihnen Messing genannt wurde) 

Ab Mitte des 8. Jh. v. Chr. taucht die erste Erwähnung des westgeorgischen Staates Kulcha auf, später bekannt geworden durch die Argonautensage als goldreiches Kolchis. Kutaisi war seine Hauptstadt. An seiner Schwarzmeerküste entstanden die griechischen Handelsniederlassungen Trapezunt (Trapzon), Phasis (Poti), Pitiunt (Bitschwinta) und Dioskurias (Sochumi). 

Gleichzeitig bildete sich im Osten des Landes der mächtige Staat Iberien in Nachbarschaft zum Großreich der Sassaniden und dadurch in engem Kontakt zur persischen Kultur. Nach der Vernichtung des Perserreiches durch Alexander den Großen weitete Iberien seine Grenzen weit nach Südwesten und Osten aus, die Hauptstadt war Mzcheta (das wir besucht haben)

Der bedeutendste Schritt zur Christianisierung Georgiens war die Bekehrung des Königs Mirian I. durch Nino (griech. Christiana) aus Kappadokien. Sie hatte die Erscheinung der Gottesmutter Maria, die ihr auftrug, das Land im Norden, „welches mir zugefallen ist“ aufzusuchen, um dort das Evangelium zu verkünden. Als Zeichen überreichte sie Nino ein Kreuz aus Weinreben. Das Kreuz, verbunden mit ihrem eigenen Haar, verhalf Nino zu zahlreichen Wundertaten und schließlich zur Heilung der georgischen Königin. Am Ziel einer langen Reise wurde das „Lebenspendende Kreuz“ zum zentralen Motiv der georgischen Christen. Ausgehend von der leuchtenden Gestalt der heiligen Nino, verbreitete sich das Christentum in Georgien rasch und wurde 337 zur Staatsreligion erklärt. Ab dem 6. Jahrhundert wurde kamen Mönche aus Syrien, die sogenannten „13 Syrischen Vätern“ und gründeten bedeutende Klöster.
Jüdische Gemeinden in Georgien gab es schon seit der Zeit des babylonischen Exils im 6. Jh. v. Chr. und die Ereignisse um Christus im fernen Jerusalem waren ihnen wohl bekannt und bis ins Kaukasusgebiet gedrungen, denn die Juden von Mzcheta standen in ständigem Kontakt zu Palästina. 

574 unterstellte sich das iberische Königreich dem Schutz Konstantinopels.

Im Laufe des 8. Jahrhunderts folgten die arabischen Einfälle und Tbilisi wurde arabisches Emirat.

  • Im 11. und 12. Jahrhundert erlebte Georgien unter König David, dem Erbauer und seiner Enkelin Königin Tamar seine goldene Blütezeit und größte Ausdehnung bis an die äußersten Grenzen seines Kulturraums vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer. Die Politik war geprägt von diplomatischem Geschick und einer für die damalige Zeit ungewöhnlicher Milde. Die Toleranz Fremden gegenüber war legendär.

Wenige Jahre später zogen mordend und brandschatzend die Reiterhorden Dschingis Khans über das Gebiet hinweg und 1390 folgten die Mongolen unter Timur Lenk.

Georgien verlor mit dem Fall von Konstantinopel 1453 die Verbindung zum christlichen Abendland.
 Die West-Ost-Handelswege der Seidenstraße durch Georgien kamen zum Erliegen, da die Europäer nun die Seewege benutzten.

Ab 1500 gab es drei große georgische Königreiche: Imeretien, Kartlien und Kachetien, sowie mehrere Fürstentümer, die in den folgenden Jahren zunehmend zwischen die Machtblöcke der Perser und der Osmanen gerieten, die permanent Krieg auf georgischem Territorium um die Vorherrschaft führten.

König Erekle II. (1720-1798) führte mehr als hundert Verteidigungskriege. Umgeben von islamischen Staaten blickte Erekle II. mit besonderer Aufmerksamkeit auf den erstarkenden christlichen Nachbarn im Norden, Russland. 1783 schloss Ostgeorgien mit dem Zarenreich einen Schutzvertrag. Russland verfolgte jedoch seine eigenen machtpolitischen Pläne, und ließ die Georgier in der entscheidenden Schlacht 1795 gegen eine siebenfache Übermacht der Perser ohne die zugesicherte militärische Unterstützung, mit der Folge einer endgültigen Vernichtung der georgischen Streitkräfte.
Die Perser brannten Tbilisi bis auf die Grundmauern nieder, 20.000 Georgier wurden in die Sklaverei verschleppt, zigtausende hingemetzelt. Unter Berufung auf den Vertrag von 1783 wurde dann im Jahre 1801 das ostgeorgische Reich Kartlien-Kachetien per Dekret des russischen Zaren Paul I. annektiert und sein Königshaus entthront. Die Aristokratie wurde mit Waffengewalt zum Eid auf die russische Kaiserkrone gezwungen. Noch viele Jahre dauerten die erbitterten und blutigen Aufstände vor allem der kaukasischen Bergbewohner, die sich der neuen Ordnung aus Russland nicht fügen wollten.

Trotz der schweren Verluste war das kulturelle Leben Georgiens außerordentlich reich und lebendig. Als 1825 Vertreter des gescheiterten Dekabristenaufstands ( Mitglieder der russischen liberalen Intelligenz aus Sankt Petersburg) nach Transkaukasien in die „Provinz Tiflis“ verbannt wurden, trafen sie dort auf eine hoch gebildete georgische Oberschicht. Der strafversetzte Dekabrist Peter Alexandrowitsch Bestushew schrieb begeistert an seine Mutter: „Was für faszinierende Orte! Es ist kein Wunder, dass die Poeten ob der hiesigen Landschaft voll des Entzückens sind.“ Die aufbegehrenden georgischen Intellektuellen hinterließen durch ihren Freiheitswillen einen nachhaltigen Eindruck.

In den folgenden Jahren wurde Georgien einer intensiven Russifizierung unterworfen, um das soziale und kulturelle System dem Russlands anzupassen. Alle hohen Posten in der Verwaltung wurden mit russischen Beamten besetzt und Georgisch als Verwaltungs- und Kirchensprache abgeschafft. In den Schulen war die Muttersprache verboten, Geschichtsbücher wurden umgeschrieben, Kunstwerke zerstört und die kulturelle Identität mit allen Mitteln untergraben.

Alexander Gribojedow, russischer Diplomat und Schriftsteller bezeichnete das russische Vorgehen als „unerhörtes Mass an Unterordnung“, die den Georgiern abverlangt wurde. „Die gesamte georgische Kultur, Dynastie, Kirche und Sprache wurden nivelliert, wie es das Land unter keiner der vorherigen Fremdherrschaften erfahren hatte.“

Eine besonders tief greifende Veränderung war die systematische Entfremdung ihrer Religion: Die eigenständige und wesentlich ältere altgeorgische Liturgie wurde durch den altkirchenslawischen Kultus ersetzt und der georgisch-orthodoxen Kirche die Autokephalie für mehr als hundert Jahre entzogen. Anlässlich eines Besuchs des Zaren Nikolaus I. wurden die Fresken der zu besuchenden Kathedralen weiß übertüncht.

Erst mit der Einsetzung des russischen „Vizekönigs“ Michail Woronzow, der die georgische Kultur sehr schätzte, verbesserte sich die Situation. Der in England erzogene Fürst öffnete Georgien für Europa und in wenigen Jahren entwickelte sich Tbilisi zum „Paris des Ostens“.

Dichter und Reisende wie Alexandre Dumas, Puschkin, Lermontov, Tolstoj, Tschechow und Tschaikowski waren hingerissen von der märchenhaften Atmosphäre der Hauptstadt und der Lebensweise seiner Bewohner: „Ich sah wundervolle Dinge … meine Eindrücke waren so neu, dass es mir vorkam, als ob es ein Traum sei“ schrieb Anton Tschechow, anlässlich seiner ersten Georgienreise. In Georgien blühten Aufklärung und Liberalismus, sämtliche klassischen Werke der europäischen Literatur wurden ins Georgische übersetzt, 1845 entstand das erste Theater und 1846 die erste öffentliche Bibliothek im südlichen Kaukasusgebiet.

1918 gelang es Georgien mit deutscher Unterstützung, seine Unabhängigkeit wieder zu erlangen.  Die erste demokratische Wahl fand 1919 statt. Die Menschewiken siegten und führten eine maßvolle Verstaatlichung und Landreform ein. Mit einer sozialdemokratischen Regierung war Georgien in den Nachkriegsjahren einer der stabilsten Staaten in Europa. Das wichtigste kulturelle Ereignis war die Gründung der Staatlichen Universität Tiflis 1918, Gleichzeitig entstanden zahlreiche Gymnasien, pädagogische Seminare und verschiedene Schulen für ethnische Minderheiten.
Am 27. August 1918 unterzeichnete Sowjetrussland in Berlin seinen Verzicht auf Georgien und erkannte die Demokratische Republik Georgien am 7. Mai 1920 im „Moskauer Friedensvertrag“ völkerrechtlich an. Georgien nahm an der Friedenskonferenz von Versailles teil und wurde am 27. Januar 1921 Mitglied im Völkerbund. Am 21. Februar 1921 verabschiedete das Parlament die erste Verfassung Georgiens nach dem Vorbild der Schweiz.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Rote Armee bereits die georgische Grenze überschritten. Am 25. Februar stürmte sie von drei Seiten die Hauptstadt und noch am gleichen Tag wurde die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen. Am 6. April 1921 wurde sämtlicher Grundbesitz in Georgien enteignet und verstaatlicht. Der georgische Staat wurde systematisch zerschlagen. Durch die grundlegenden territorialen Veränderungen verlor Georgien fast ein Drittel seines Staatsgebiets. Artwin, Ardahan und Teile der Provinz Batumi wurden an die Türkei abgetreten, Armenien bekam das Gebiet um Lori. Aserbaidschan erhielt den Bezirk Zaqatala. Ein Teil der georgischen Grenzgebiete im Großen Kaukasus, inkl. Sotschi, wurde Russland einverleibt. Auf seinem Boden wurden ein autonomes Gebiet Südossetien, eine Abchasische SSR und eine Adscharische SSR eingerichtet.

Im Dezember 1922 ging Georgien in der transkaukasischen Union (TFSSR) auf, zu der auch Armenien und Aserbaidschan gehörten. 1936 entstand die formal eigenständige Georgische SSR. Dabei erzeugten die willkürlichen Auf- und Abwertungen national-territorialer Autonomien nach der bewährten Methode des „divide et impera“, einen permanent schwelenden Konfliktherd, mit Folgen bis in die Gegenwart hinein. Widerspruch wurde schon im Keim unterdrückt. Zwischen 1921 und 1924 wurden über 30.000 Georgier aus der politischen und sozialen Elite des Landes, erschossen oder deportiert.

Am 28. August 1924 kam es mit Unterstützung der Exilregierung aus Paris zum August-Aufstand gegen die sowjetische Besatzung. Stalin ließ den Aufstand niederschlagen und die Organisatoren hinrichten. 7.000 ihrer Anhänger wurden erschossen, mehrere zehntausend Menschen, darunter ganze Familien, nach Sibirien oder Zentralasien verbannt. Obwohl Stalin sein Heimatland regelmäßig zur Erholung besucht haben soll, richtete sich seine brutale Unterdrückung nationaler Minderheiten mit besonderer Rücksichtslosigkeit gegen die Georgier. Den stalinistischen Säuberungen 1935–1938, 1942 und 1945–1950 fielen ca. 50.000 Georgier, zum Opfer. Unter ihnen die bedeutendsten Künstler, Literaten und Politiker. Nach Stalins Tod kam es 1956 in Folge der Entstalinisierung zu einem erneuten Aufstand in Tbilisi. Radikale Studenten forderten lautstark die staatliche Unabhängigkeit Georgiens. Mit Panzern rückte die Rote Armee im Zentrum Tbilisis auf und eröffnete das Feuer auf die Demonstranten.

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