Europa und der Balkan

23/02/2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Grenzland. Ich mag Grenzländer. Slavoj Zicek sagt: „Menschen identifizieren ihre Identität über das, was sie nicht sind“. Eines dieser Grenzländer, in denen einem viel klar wird, ist Ungarn und insbesondere seine Hauptstadt, das alte und neue, prunkvolle und abgewrackte, höchstkulturelle und alternative Budapest, das ich kürzlich besuchte. Noch vor 100 Jahren lebten hier zur Hälfte Deutsche und es war Teil der habsburgischen Großmacht Österreich-Ungarn. Heute hundert Jahre später leben  weniger als 1 Prozent Deutsche hier und alles ist anders. Großreiche sind zerfallen, wir sprechen von Balkanisierung und meinen das meist abfällig. Orban, der ungarische Präsident gilt sogar als Paria Europas, da er den Nationalstaat hochhält. Und jetzt 2017 ist es gar nicht ausgeschlossen, dass es zu einer Balkanisierung, einem Zerfall Europas in lauter Kleinstaaten, kommt.

Ich mag es gedanklich zurückzugehen, denn da erscheint eine besonders bunte ungarische Geschichte, die man als erhellend betrachten kann für das, was im Augenblick in Europa passiert. So wanderte gegen Ende des 9. Jahrhunderts, also etwa ein halbes Jahrtausend nach dem Sturz des römischen Reiches, ein  „kriegerischer Hunnenstamm der Magyaren“ in das Karpatenbecken ein und machte von da aus Raubzüge durch ganz Europa bis sie Otto I.  955  auf dem Lechfeld vernichtend schlug. 

Den Magyaren wurde durch die Niederlage klar, dass die Machtverhältnisse sich drehten und dass es opportun war sich anzupassen und sich in das christliche Europa zu  integrieren. Ein Nachfahre des legentären Anführers Árpád, der die 7 Stämme in das Karpatenbecken führte ( sie sind übrigens alle hoch zu Roß auf dem Heldenplatz in Budapester Norden zu bewundern) forderte folgerichtig von seinem Volk sesshaft zu werden, sich zum Christentum zu bekennen und in jedem zehnten Dorf eine Kirche zu bauen. War sicher nicht einfach für die kriegerischen Magyaren. Er selbst nannte sich nun Istan  (Stephan) und ließ sich im Jahr 1001 von Papst Silvester II die Königskrone aufsetzen. Damit hatte er ein Königtum auf westliche Art errichtet und sich auf westliche Art legitimisiert. König Stephan gilt noch heute als Gründer des  ungarischen Reiches  und  wurde 1083 heiliggesprochen. Seine Krone ist das Sinnbild des selbständigen ungarischen Staat.

Mit der Selbstständigkeit sollten die Magyarenes  schwer haben im Laufe der folgenden Jahrhunderte, denn sie waren nunmal Grenzland und immer unterschiedlichen Interessen ausgesetzt.


Schon  1241/1242  wurde das deutlich und das Land wurde im Mongolensturm beim Angriff der goldenen Horde schwer verwüstet. Dabei kamen etwa 50 % der Bevölkerung ums Leben

König Béla IV.holte daraufhin für die Neubesiedelung die ersten „Donauschwaben“ (Siedler aus dem heiligen römischen Reich) ins Land. Bald darauf unter König Matthias Corvinus stieg Ungarn zur politischen Großmacht auf und wurde zu einem Zentrum der Renaissancekultur und des Humanismus. Sein Großreich zerfiel jedoch nach seinem Tod und Ungarn geriet (wie so oft) in Abhängigkeit und wurde zwischen 1490 und 1526 von  den polnisch-litauischen Jagiellonen Ungarn in Personalunion regiert. 


Danach dominierten die Interessen  des  Mosul-Empire und die Osmanen hielten Ungarn 145 Jahre besetzt, bis sie 1683 bei der berühmten Schlacht am Kahlenberg bei Wien vernichtend geschlagen wurden.   

http://de.m.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Ofen_(1684/1686)


Jetzt wiederholte sich das Gleiche wie unter Bela. Die siegreichen Habsburger holten für die Neubesiedelung „neue Schwaben“ (d. h. deutsche Bauer und Handwerker sowie österreichische und böhmische Bergleute) in die an der mittleren Donau gelegenen und während der Türkenherrschaft weithin verödeten Gebiete.
So entstanden die „donauschwäbischen Siedlungsgebiete“ mit ihren städtischen Zentren Ofen (ung. Buda), Pest, Stuhlweißenburg (ung. Székesfehérvár), Fünfkirchen (ung. Pécs), Essegg ( ung. Eszék), Maria-Theresiopolis ( ung. Szabadka), Neusatz ( ung. Újvidék), Temeswar (ung. Temesvár). 

Im Laufe des 18. Jahrhunderts waren bald 150.000 Kolonisten aus deutschen und österreichischen Territorien in die Gebiete des damaligen historischen Ungarn ausgewandert. Unter Ihnen wurde die pannonische Tiefebene  zur „Kornkammer der Donaumonarchie“.  

Mit ein wenig Abstand kann diese KuK-Monarchie durchaus als ein frühes Europa betrachtet werden, als ein Staatenbund indem insbesondere die Ungarn immer nach Augenhöhe strebten und die deutschsprachige Gesellschaft Sonderrechte hatte.

Am Ende des I. Weltkrieges, als die Donaumonarchie zerbrach, verlor Ungarn durch das Friedensdiktat von Trianon (4. 6. 1920) zwei Drittel seines Staatsgebietes, und daraus ergab sich auch eine Dreiteilung der Donauschwaben. Rund 550.000 blieben bei Ungarn, 330.000 kamen zu Rumänien und 510.000 zu Jugoslawien. Ihnen wurde dann im und nach dem 2. Weltkrieg besonders übel mitgespielt. 

Was heisst das nun für heute? Deutschland sagt „Identität gibt es nicht“ und den Visegrad-Staaten ist sie besonders wichtig! Warum?  Nun der Balkan hat Erfahrung mit Vielvölkergemeinschaften und Deutschland eher nicht. 

Die Forderung der mitteleuropäischen Visegrad-Staaten nach   „Emanzipation von Deutschland“ erinnert an die Forderung von Ungarn auf Augenhöhe in der KuK-Monarchie.  Dabei hat Europa für sie durchaus was zu bieten, denn EUROPA steht für einen minimalen sozialdemokratischen Standard. Peter Sloterdijk sagt zu Recht, es gibt in Europa so etwas wie eine «objektive Sozialdemokratie». Ihre Werte sind Teil der Verfassungen geworden und unbestritten. Was sind die Alternativen? Gelenkte Demokratie à la russe oder Kapitalismus mit autoritären asiatischen Werten? Lateinamerikanischer Linkspopulismus oder angelsächsischer Ultraliberalismus? Blieben die Balkanländer ausserhalb der EU, würden sie im Rahmen von Interessenpolitik einfach wirtschaftlich integriert und zu Standorten für Industrien und Praktiken, die in der EU nicht mehr erlaubt sind. 

Darin könnte z. B. der Kampf der Linken stattfinden, in diesem unabgeschlossenen Projekt Europa. Aber sie begeben sich ja immer auf Nebenschauplätze. In ganz Europa sind wir in der misslichen Lage, dass Politik als Passion eigentlich nur noch von der immigrationsfeindlichen, rassistischen Rechten gemacht wird. In Frankreich kann nur  Le Pen politische Leidenschaft wecken. Die gleiche Entwicklung findet in den Niederlanden, Norwegen und Schweden statt. Die Balkanländer liegen im europäischen Mainstream. Man hat die Wahl zwischen der Nicht-Politik der breiten Mitte und der Leidenschaft der nationalistischen Rechten.  In Kosovo und Serbien sind die «autochthonen», nicht aus dem Ausland finanzierten Bürgerbewegungen noch heute nationalistisch: «Vetevendosje» (Selbstbestimmung) in Pristina oder «Obraz» (Ehre) in Belgrad. 

Aber man sollte diese „Rechte“ nicht vorschnell aburteilen, denn sie ist eine Gegenbewegung zum Identitätsverlust.
Hier ist die grundlegende Forderung möglichst  viel nationale Souveränität zurück zu erobern, um den Wohlfahrtsstaat vor dem Währungsfonds und der EU-Bürokratie zu retten. Das ist nicht ganz falsch, wenn man die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ansieht.  Denn sie verfolgt ein  Konzept von Multikulturalismus, der mit den lokalen Interessen nichts zu tun hat – da beginnen die Probleme. Man nimmt die Einheimischen nicht ernst als politische Subjekte.  

So wurde zum Beispiel auch in den 90zigern der Jugoslawien-Konflikt im Westen als Stammeskrieg dargestellt, als ethnische Verrücktheit. Er wurde entpolitisiert und ausschliesslich als Menschenrechts-Problem verstanden und nicht als Kampf um die Kontrolle eines Territoriums, was er für Albaner und Serben war. Die Protagonisten werden nicht ernst genommen (oder besser: sie wurden nur ernst genommen, wenn sie die Rolle von hilflosen Opfern spielen, die der Westen dann retten konnte).

Worauf will ich hinaus? Unsere politischen Systeme repräsentieren die sozialen Probleme nicht mehr adäquat. Die Linke hat sich auf Multikulturalismus und Identitätspolitik zurückgezogen. Aber die richtige Antwort heisst Re-Politisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Wenn Linke von Rassismus und Sexismus sprechen, dann übersetzen sie dies automatisch in ein Problem der «Toleranz». Es geht aber um Politik, um Rechte und um Macht und  nicht um psychoanalytische Probleme. 

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